10.08.2026
«Wir übernehmen die Bürokratie, die Betriebe machen ihr Kerngeschäft»
Seit 16 Jahren betreut Stefano Gazzaniga die FSC-Gruppe von viscom/dpsuisse. Im Gespräch erklärt er, wie 98 KMU die Zertifizierung gemeinsam stemmen.
© Stefano Gazzaniga
Für Betriebe der Print- und Medienindustrie gibt es in der Schweiz seit 2010 eine etablierte Anlaufstelle für die FSC-Zertifizierung: die FSC-Gruppe von viscom/dpsuisse. 98 kleine und mittlere Unternehmen aus allen drei Sprachregionen der Schweiz sind heute Mitglied. Stefano Gazzaniga, Vizedirektor von dpsuisse und Gruppenmanager der FSC-Gruppe, begleitet die Mitgliedsbetriebe bei der Umsetzung der FSC-Anforderungen. Im Gespräch erklärt er, wie die Gruppenzertifizierung funktioniert, was seinen Alltag prägt und welche Entwicklungen die Branche derzeit beschäftigen.
Stefano, die FSC-Gruppe von viscom/dpsuisse besteht seit 16 Jahren. Wie sieht sie heute aus?
Wir haben offiziell am 19. Dezember 2009 begonnen, also faktisch per 1. Januar 2010. Heute sind 98 KMU bei uns dabei, aus allen drei Sprachregionen. Der grösste Teil ist in der deutschen Schweiz, 15 Betriebe kommen aus der Romandie und 12 aus dem Tessin.
In den letzten zwei Jahren haben wir einen starken Zuwachs erlebt. FSC International hat die Teilnahmebedingungen in der Schweiz für Gruppenmodelle angepasst: Die Grenze liegt jetzt bei 25 Vollzeit-Mitarbeitenden statt wie früher bei 15. Das hat vielen Betrieben den Einstieg ermöglicht, die vorher knapp ausserhalb der Kriterien lagen.
Welche Unternehmen können der Gruppe beitreten?
Es gibt zwei Voraussetzungen: Die Betriebe müssen Mitglied bei viscom, dpsuisse oder einem unserer Partnerverbände sein, und sie dürfen maximal 25 Vollzeit-Mitarbeitende haben.
In den letzten Jahren haben wir die Partnerschaft ausgebaut. Heute können auch Mitglieder der VSD bei uns in die Gruppe eintreten, weil wir eine Zusammenarbeit aufgebaut haben. Konkret: Im Juni sind sechs neue Betriebe dazugekommen, die alle über den VSD kommen. Das zeigt, wie das Modell wächst.
Warum entscheiden sich Druck- und Medienunternehmen für die Gruppe statt für eine Einzelzertifizierung?
Das Ziel war von Anfang an klar: weniger Aufwand, weniger Kosten für unsere Mitglieder. Die Komplexität des FSC-Standards bleibt dieselbe. Aber unsere kleinen KMU erhalten von mir sämtliche Unterlagen und Vorlagen. Sie müssen sie nur noch lesen, personalisieren und umsetzen.
Dazu kommt: Die Mitglieder werden mindestens einmal alle fünf Jahre extern auditiert, von einer externen Zertifizierungsstelle. Ich führe jährlich interne Audits durch. Das ist auch für uns als Verband wertvoll: Wir besuchen unsere Mitglieder mindestens einmal im Jahr persönlich und sprechen nicht nur über das FSC-Audit, sondern auch über andere Themen.
Für eine KMU, die nur wenige FSC-Aufträge pro Jahr hat, lohnt sich eine Einzelzertifizierung schlicht nicht. Der Aufwand übersteigt den Ertrag. Die Gruppenlösung macht die Zertifizierung wirtschaftlich.
Wie funktioniert die Gruppenstruktur konkret? Was macht viscom/dpsuisse, was machen die Mitglieder?
Der Verband ist die einzige direkte Schnittstelle zur Zertifizierungsstelle. Die Mitglieder haben keinen direkten Kontakt zu ihr, alles läuft über uns. Wir übersetzen die Anforderungen in verständliche Dokumente und Vorlagen, wir erstellen die jährliche Papierbilanz, wir pflegen die zentrale Lieferantenliste und prüfen sie zweimal jährlich, und wir geben die Freigabe für alle FSC-Produktlabels.
Letztes Jahr habe ich allein für Labelfreigaben 367 E-Mails bearbeitet. Dieses Jahr sind es bis heute bereits 267. Ab sofort bin ich nicht mehr allein: Mit Markus Heinzle hat ein zweiter Kollege im Team die Qualifikation erhalten. Wir haben auch eine gemeinsame Mailadresse eingerichtet, fsc@dpsuisse.ch, damit bei Abwesenheiten keine Verzögerungen entstehen.
Die Mitglieder ihrerseits müssen ihre betrieblichen Prozesse umsetzen: Laufzettel anpassen, Rechnungen korrekt ausstellen, die Vorstufe für FSC-Aufträge dokumentieren. Das ist keine Bürokratie, das ist Tagesgeschäft. Die Bürokratie übernehmen wir.
Die Schweizer Print- und Medienindustrie hat spezifische Eigenschaften. Was bedeutet das für die FSC-Zertifizierung in dieser Branche?
FSC ist in unserer Branche seit Jahren ein konkretes Kriterium: bei der öffentlichen Beschaffung, bei Kantonalbanken, bei verschiedenen Institutionen. Kantone, Gemeinden und der Bund verlangen FSC bei bestimmten Druckaufträgen.
Gleichzeitig sehe ich immer wieder Druckereien, die auf Produkten oder Websites schreiben «gedruckt auf FSC-Papier», ohne selbst zertifiziert zu sein. Das ist nach FSC-Standard klar nicht zulässig. Für die Glaubwürdigkeit des Systems brauchen wir hier mehr Konsequenz, von allen Seiten.
Was unsere Branche noch auszeichnet: In der Druckerei handelt es sich um eine reine Transferzertifizierung. Wir kaufen Papier, wir drucken, wir verkaufen. Der Nachweis der Herkunft ist entscheidend, aber die Abläufe sind klar. Das macht das Modell auch bei grösseren Betrieben gut handhabbar.
Welche Themen beschäftigen die Branche derzeit?
Nachhaltigkeit generell und EUDR konkret. Die Kundinnen und Kunden unserer Mitglieder fragen aktiv nach und die Betriebe kommen zu uns, wenn sie Unterstützung brauchen. Wir haben im letzten Jahr gemeinsam mit FSC Schweiz ein Webinar zur EUDR organisiert und sind im direkten Kontakt mit FSC Schweiz, wenn neue regulatorische Informationen kommen.
Ein weiteres Thema, das uns gerade beschäftigt: die neuen EU-Regelungen gegen Greenwashing. Viele Druckereien kommunizieren auf ihrer Website mit Begriffen wie «CO₂-frei», «klimaneutral» oder «nachhaltige Produktion», ohne das belegen zu können. Wir haben dafür eine Checkliste erarbeitet. Mit einer FSC-Zertifizierung ist der Nachweis für den Hauptrohstoff Papier bereits erbracht.
Wann empfehlen Sie einem Druck- oder Medienunternehmen, erstmals das Gespräch mit Ihnen zu suchen?
Jederzeit. Ich sage immer: Wer ein erstes Gespräch führt, entscheidet sich am Ende fast immer für die Gruppe. Die Vorteile sind so klar, dass ich in 16 Jahren keinen einzigen Fall hatte, wo jemand nach einem Gespräch gesagt hat: «Nein, ich mache das lieber alleine.»
Im Mai dieses Jahres habe ich eine Druckerei kontaktiert, die einzelzertifiziert war und bis Ende Juni ein gültiges Zertifikat hatte. Wir haben in eineinhalb Tagen alles organisiert, Mitgliedschaft, interne Audit, Aufnahme. Das geht, wenn man will.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der FSC-Zertifizierung in der Schweizer Print- und Medienindustrie?
Mein konkreter Wunsch: Ausdehnung des Gruppenmodells auf Betriebe bis 49 Vollzeit-Mitarbeitende. Das Bundesamt für Statistik definiert KMU in der Schweiz als Unternehmen bis 49 Vollzeitstellen. Es gibt keinen sachlichen Grund, warum das Gruppenmodell, das ausdrücklich für KMU gedacht ist, bei 25 enden soll.
Für die Druckbranche ist das besonders logisch: Ein Betrieb mit 40 Mitarbeitenden kann nicht eine Person einstellen, die sich ausschliesslich um die FSC-Zertifizierung kümmert. Er braucht Unterstützung. Genau das bieten wir.
Dazu wünsche ich mir mehr Flexibilität bei Remote-Audits. Während der Covid-Pandemie haben wir sowohl intern als auch gemeinsam mit der Zertifizierungsstelle problemlos Remote-Audits durchgeführt.
Für Betriebe ohne FSC-Aufträge ist dies bereits heute möglich. Schwieriger wird es jedoch bei Unternehmen, die im Laufe eines Jahres lediglich ein oder zwei FSC-Aufträge abgewickelt haben. Einerseits sind die jährlichen Besuche für den persönlichen Austausch und die allgemeine Betreuung unserer Mitglieder sehr wertvoll. Andererseits fahren wir für die Überprüfung von nur wenigen Aufträgen durch die ganze Schweiz, was mit einem erheblichen Zeit- und Ressourcenaufwand verbunden ist.
Ich wünsche mir deshalb, dass künftig auch in solchen Fällen, selbstverständlich nach einer entsprechenden Risikobeurteilung, vermehrt Remote-Audits möglich werden. Das würde die Prozesse effizienter gestalten, Ressourcen schonen und gleichzeitig die hohe Qualität des Gruppenzertifizierungssystems gewährleisten.
Informationen zur CoC-Gruppenzertifizierung von viscom/dpsuisse
Die FSC-Gruppe von viscom/dpsuisse richtet sich an Unternehmen der Schweizer Print- und Medienindustrie sowie an Mitglieder der Partnerverbände dpsuisse und VSD. Sie bietet kleinen und mittleren Betrieben einen vereinfachten Zugang zur FSC-Zertifizierung durch zentrale Betreuung, Schulungen und interne Audits.
Voraussetzungen:
- Mitgliedschaft bei viscom, dpsuisse oder VSD
- Maximal 25 Vollzeit-Mitarbeitende oder ein Jahresumsatz von höchstens 5 Millionen Schweizer Franken (CHF)
Kontakt: fsc@dpsuisse.ch
